Trend: Öffentlich-rechtliche Sender mit eigenen YouTube-Formaten

25. März 2015 | By | Add a Comment

Ein Trend 2015: Öffentlich-rechtliche Sender starten eigene Formate auf YouTube – immerhin knapp acht Jahre nach dem Deutschlandstart der Plattform. Ganz frisch dabei: Der NDR mit seinem Kanal NDR CHECKer.

Was YouTube angeht, sind die öffentlich-rechtlichen Sender in der ungewohnten Verlegenheit, einmal nicht nachmachen zu können, was die großen Privatsender vorgeben. Sucht man nach offiziellen Inhalten von RTL oder Sat.1 auf YouTube findet man außer Kanälen mit Trailern wenig. Die kommerziellen Anbieter fokussieren sich auf die eigenen Mediatheken oder Plattformen, mit denen sie wirtschaftlich verbunden sind. Fraglich, ob das so richtig ist, wenn sich der Bewegtbildkonsum bei Jüngeren nunmal in erster Linie auf YouTube abspielt.

Die öffentlich-rechtlichen Sender, die ja zunehmend um die jungen Nutzer kämpfen müssen, kommen da schon eher um Angebote auf YouTube nicht herum. In der ersten Stufe waren dann auch die meisten öfffentlich-rechtlichen Anbieter mit einem Kanal auf YouTube vertreten. Das große Problem: Inhaltlich waren diese Kanäle, wie beispielsweise vom ZDF, eine bunte Wundertüte. Was man damit auf YouTube nicht schafft: Mit Videos zu Themen, wie „Vegane Kräutersuppe“ oder „Armin Rohde wird Patenonkel eines Bartgeiers“ schafft man eines nicht, nämlich eine Community aufzubauen. So hat der ZDF-Kanal auch gerade Mal knapp 50.000 Abonnenten – was gegenüber bekannten YouTubern extrem bescheiden ist.

Kurzum: In einem YouTube-Kanal ist ein Fokus nötig – auf bestimmte Themen oder bestimmte Personen. Das hat man beim NDR durchaus verinnerlicht – und daher gibt es nun die NDR CHECKer. Das Ganze ist ein Kanal, in dem es um Ratgeber- und Wissensthemen geht. Und das Besondere ist: Es werden in der Mehrzahl nicht 1:1 Fernsehbeiträge genommen, sondern Inhalte aus den Beiträgen von Sendungen, wie „Markt“ oder „plietsch“, werden für YouTube umgearbeitet.

Bildschirmfoto 2015-03-25 um 15.25.50Die Inhalte werden personalisiert durch Susann Kowatsch und Tim Berendonk präsentiert, die entweder komplette Fernsehbeiträge mit einer Art Rahmenhandlung versehen – oder aber einzelne Fragmente aus Fernsehberichten für ein eigenes Video nutzen. Das Problem: So wirklich authentisch kommt das nicht rüber – es wirkt ein bisschen so, als würden die beiden nach einem Drehbuch agieren, das ihnen jemand Drittes geschrieben hat. Es fehlen außerdem Ecken und Kanten.

Auf YouTube sind eher Personen gefragt, die spürbar für ein bestimmtes Thema brennen. Weiteres Problem (mit dem auch viele Firmen mit ihren YouTube-Kanälen zu kämpfen haben): Beide Protagonisten sind im Social Web quasi unsichtbar. Dabei ist für einen Erfolg auf YouTube die Kommunikation mit der Community extrem wichtig. Das sind halt aber Dinge, die bisher nicht gefragt waren. Ein Fernsehsender hat früher einen Moderator eingekauft, der dafür Geld bekam zu moderieren. Für YouTube bräuchte man hingegen theoretisch eher Personen, die eben auch mit der Community kommunizieren. Die Nutzer sind das so gewohnt von anderen Kanälen auf YouTube.

Nicht ganz dumm ist es da, dass der NDR für den Kanal mit dem YouTuber AlexiBexi zusammenarbeitet. Mit mehr als 600.000 Abonnenten auf dem eigenen YouTube-Kanal ist er definitiv eine gewisse Größe (mit mehr als 130.000 Fans auf Facebook). Einmal wöchentlich kommentiert er die neusten Technik-Trends (auch beim NDR im Radio auf N-Joy). Ob das allerdings reicht, um den gesamten Kanal erfolgreich zu machen, wird man sehen. Die ersten Zahlen (219 Abonnenten) sind da noch nicht aussagekräftig.

Meine Prognose: Zwar gibt es bei den NDR CHECKern schon einen Fokus auf den Bereich Service – meiner Ansicht nach ist das aber noch ein viel zu weites Feld um auf YouTube realistischerweise Erfolg zu haben. Zwischen den Bereichen Reise, Technik, Ernährung oder Medizin liegen Welten – wer sich für das eine interessiert, interessiert sich nicht unbedingt für das andere und abonniert dann auch den Kanal nicht. Nun könnte man ja sagen: Okay, die Nutzer abonnieren die Kanäle wegen der Präsentatoren – aber da bin ich in diesem Fall auch eher skeptisch – aus den skizzierten Gründen, wie mangelnde Authentizität und fehlende Anbindung ans Social Web.

So ist der neue Kanal meiner Ansicht nach zu viel Fernsehen und zu wenig YouTube. Was mir übrigens noch aufgefallen ist: Die Videos kommen nur in 480p-Auflösung daher – das ist ungewohnt niedrig im Jahr 2015, wo jedes Smartphone höher auflösende Videos dreht. Für Erfolg auf YouTube ist das sicher nicht kriegsentscheidend, aber überraschend ist es schon.

(Disclaimer: Ich war von 1998 bis 2009 freier Mitarbeiter beim NDR und Tim Berendonk fällt zumindest in die Kategorie „entfernter Bekannter“.)

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About the Author (Author Profile)

Matthias Morr, Jahrgang 1976, berät Unternehmen und trainiert die Mitarbeiter beim Einsatz von Videos und YouTube. Außerdem realisiert er Videoproduktionen als Videojournalist - in Hamburg und bundesweit. Als Referenzprojekte betreibt er zwei sehr erfolgreiche YouTube-Partnerkanäle über Kreuzfahrtschiffe (Schiffstester.de und Cruiseinspector.com). Stationen in früheren Jahren waren u.a. der NDR und Axel Springer Digital TV.

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