Wenn auf meinem YouTube-Kanal die Konkurrenz wirbt

Der YouTube-Markenkanal von Aida Cruises: Rechts wirbt Mitbewerber Norwegian Cruise Line, mitten im Video Konkurrent TUI Cruises.
Markenkanäle sind die Luxusvariante bei YouTube für Unternehmen. Eigentlich werbefrei. Aber dennoch kann es passieren, dass plötzlich ausgerechnet die direkten Mitbewerber auf dem YouTube-Kanal werben. Das nämlich passiert zur Zeit auf dem Kanal der Reederei Aida Cruises. Aber wie kann das eigentlich sein?
Meine erste Vermutung war: Aida Cruises hat möglicherweise keinen Markenkanal mehr, sondern einen Partnerkanal. Auf dem Partnerkanal läuft Werbung, der Inhaltsproduzent wird an den Einnahmen beteiligt – so ist das auch mit meinen Kanälen bei YouTube. Allerdings ist es sehr ungewöhnlich, dass Unternehmen einen Partnerkanal haben – eben aus dem Grund, weil sie nicht wollen, dass dann möglicherweise Werbung vom direkten Konkurrenten vor den Videos oder darin zu sehen ist. Wobei es diese Fälle gibt – das Hamburger Miniatur-Wunderland betreibt einen extrem erfolgreichen YouTube-Partnerkanal – und schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: Man macht Werbung für das Unternehmen und verdient damit sogar noch Geld. Das funktioniert so gut, weil das Thema Modelleisenbahn ein sehr dankbares Thema mit vielen Fans ist.
Wie erkenne ich nun, ob der Kanal Aida vielleicht doch ein Partnerkanal ist? Beispielsweise über den Such-Filter – hier kann ich nach „Partner-Videos“ filtern. Die Aida-Videos finde ich dann nicht mehr. Das ist also der Beweis, dass es sich um einen Markenkanal handeln muss. Woran erkenne ich, dass es kein gewöhnlicher YouTube-Kanal ist? Das sehe ich an der Gestaltung des Kanals – der Bereich oberhalb der Anzahl der Abonnenten und Videoaufrufe kann nur bei Marken- und Partnerkanälen selbst gestaltet werden.
Mein zweite Vermutung: Die Videos, in denen Werbung geschaltet ist, beinhalten Musik. Nun ermöglicht YouTube Rechteinhabern Videos zu eigenen Gunsten zu monetarisieren, in denen beispielsweise Musik verwendet wurde, an der sie die Rechte haben. Realisiert wird das über die sogenannte Content-ID. Plötzlich erscheint also Werbung in dem Video – und derjenige, der das Video hochgeladen hat, kann dagegen gar nichts machen.
Und das ist nun etwas, was bei Aida höchstwahrscheinlich passiert ist, so dass plötzlich die Mitbewerber TUI Cruises oder Norwegian Cruise Line auf dem Kanal werben. YouTube-Sprecherin Mounira Latrache will sich zu diesem Fall nur allgemein äußern:
„Ich kann ihnen leider zu Einzelfällen überhaupt keine Aussage machen. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als hätte ein Rechteinhaber beschlossen, seine Musik zu monetarisieren – aber sicher kann ich ihnen das nicht sagen.“
In YouTube-Foren wird von Fällen berichtet, dass manche unrechtmäßig als Rechteinhaber auftreten und die Ansprüche an der Musik eines Videos geltend machen, auch wenn gar keine Rechte bestehen. So gab es in der Vergangenheit öfter Probleme, wenn rechtefreie Musik aus den Softwarepaketen von Apple (iLife, Soundtrack Pro) verwendet wurde. Hier gab es tatsächlich zahlreiche Fälle, in denen jemand die Rechte unrechtmäßig beansprucht hat.
Was sollte ich nun als Unternehmen tun? Natürlich sollte ich wenn überhaupt nur rechtefreie Musik verwenden – mache ich viel auf meinem Kanal, dann lohnt es sich sicherlich auch, über ein eigens komponiertes Soundpaket nachzudenken. An dem wird niemand unrechtmäßig Rechte beanspruchen können. Hat nun jemand zu Unrecht Musikrechte geltend gemacht, dann kann ich mich natürlich an YouTube wenden. Die Inhaber von Markenkanälen (was ein deutlich fünfstelliges Investment bedeutet) sollten auch (im Gegensatz zum normalen YouTube-Nutzer) einen entsprechenden Ansprechpartner haben. Es gibt aber auch für alle YouTube-Nutzer die Möglichkeit zu widersprechen, wenn jemand Rechte unberechtigt geltend gemacht hat (siehe YouTube-Hilfe).
Update - 18.6.2012
Laut der Server-Zugriffsdaten wurde mein Blogpost bei Aida Cruises zahlreich gelesen. Als Folge ist nun auch die Werbung für die Mitbewerber auf dem Kanal verschwunden.




